Zum Hauptinhalt springen

Autor: Thomas Oelerich

Zentraler Abschlussgottesdienst der FriedensDekade in Berlin am Buß- und Bettag

Datum: 16.11.2022

Uhrzeit: 18.00 Uhr

Ort: Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Berlin, Breitscheidplatz, 10789 Berlin

Frankfurt a.M./Berlin (epd). Der zentrale Gottesdienst im Rahmen der Ökumenischen Friedensdekade 2022 findet am Buß- und Bettag in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin statt. „Diese Feier ist ein Ort für unsere Sehnsucht nach Frieden“, erklärte der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), der orthodoxe Erzpriester Radu Constantin Miron, am Dienstag in Frankfurt am Main. In dem Gottesdienst wolle man darum bitten, dass „Frieden keine Illusion bleibt, sondern Wirklichkeit werden kann.“

Angesichts von aktuell mehr als vierzig stattfindenden kriegerischen Auseinandersetzungen weltweit steht die diesjährige ökumenische Friedensdekade bis 16. November unter dem Motto „ZUSAMMEN:HALT“. Die Predigt hält den Angaben zufolge die Generalsekretärin des ökumenischen Netzwerkes Church and Peace, Lydia Funck. Die Liturgie soll von Gedächtniskirchen-Pfarrerin Kathrin Oxen, dem Vorsitzenden des Ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg, Monsignore Hansjörg Günther, und dem ACK-Vorsitzenden Erzpriester Miron gestaltet werden.

Trägerorganisationen der 1980 in West- und Ostdeutschland ins Leben gerufenen Ökumenischen Friedensdekade sind neben der ACK die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF). Zudem wirken Vertreterinnen und Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und evangelischer Landeskirchen sowie evangelisch-freikirchliche und römisch-katholische Organisationen mit. Seit 1983 ist das aus der kirchlichen Friedensarbeit der DDR bekannte Logo „Schwerter zu Pflugscharen“ Erkennungssymbol der Ökumenischen Friedensdekade.

Die 1948 gegründete Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland repräsentiert etwa 50 Millionen Christen. Ihr gehören 18 Kirchen an, weitere sieben Kirchen sind Gastmitglieder, fünf ökumenische Organisationen haben Beobachterstatus.

„Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Mt 5,9 (von Peter Herrfurth, Magdeburg)

Frieden stiften! Ja, wer will das nicht? Ok, Putin nicht. Der hat Krieg angestiftet. Und befeuert. Und lässt töten, vernichten, bombardieren, einberufen, verheizen, krepieren…

Selenskyj verteidigt sein Land mit allen Mitteln. Das ist sein Recht und seine Not. Beide Seiten haben ihre Verbündeten und Partner. Die einen rasseln mit den eigenen Säbeln, einige führen Scheinabstimmungen durch, wieder andere liefern Haubitzen, Granaten, Flugabwehrsysteme und was die Rüstungsindustrie sich noch alles ausgedacht hat. Manche sprengen Brücken, andere steuern Drohnen, die Propagandamaschinerie heizt tüchtig ein – und als sei nicht schon Schweinerei genug, predigt Kirill Opfertod und Sündenerlass auf dem Feld – aber niemand stiftet Frieden. Wir geben uns als Söhne und Töchter der Politik, des Rechtes, der Militärbündnisse, der Freiheit – aber nicht als Kinder Gottes. Pazifisten geraten unter die Trümmer der wankenden eigenen Haltung und Militaristen haben es ja immer schon gewusst: der Friede muss bewaffnet sein. 

Sind wir mit unserem Friedenslatein also am Ende? Müssten Christen und Kirchen nicht hundertprozentig gegen das Töten und für Gewaltfreiheit beten und demonstrieren. Oder dienen wir damit letztlich dem Unrecht und reden der Macht der Gewalt das Wort? Müssen wir Putin und seine Dämonen aushalten, um irgendwann Frieden zu bekommen?

Montags demonstrieren wieder die Wütenden. Aber nicht gegen den Krieg, sondern für die Wohnzimmertemperatur. Doch es geht nicht um Wohlfühlfrieden, der an der Heizkostenabrechnung endet. Ein Gaspreisdeckel stiftet keinen Frieden. Und bitte – der Hinweis auf den befreienden Einsatz der alliierten Truppen vor mehr als 77 Jahren hilft auch nicht. Wir stehen heute an einer ganz anderen Schwelle zur Apokalypse. 

Frieden stiften heißt ausgelacht werden. Frieden stiften heißt Nachteile in Kauf nehmen. Frieden stiften heißt Unrecht aushalten. So ist das nun mal, wenn wir Gottes Kinder sein wollen. Lasst uns Frieden stiften. Um des Himmels und der Menschen Willen.

Peter Herrfurth, Landesjugendpfarrer in Magdeburg, Mitglied im Gesprächsforum der Ökumenischen FriedensDekade

Von der Vision einer Welt ohne Krieg (Predigt von Esther Zeiher)

Liebe Gemeinde,

das kleine Stückchen Flies, das ihr auf euren Plätzen findet, ist ein beredtes Zeichen dafür, wie kreativ Menschen, die den Frieden lieben, schon immer waren. Diese Menschen haben die Vision einer Welt ohne Krieg in sich groß werden lassen. Und sie haben darüber nicht geschwiegen, sondern ihre Vision so ausgedrückt, dass sich die Welt dadurch tatsächlich verändert hat. Oft begann es klein, aber es wurde immer kraftvoller.

So wie der Prophet Micha: Er schaut im 7. Jahrhundert vor Christus aus der Perspektive eines Mannes vom Land auf das zerstörerische Treiben der Großgrundbesitzer. Eigentlich verkündet Micha den Untergang Jerusalems, denn er sieht, wie sich das begangene Unrecht auftürmt und auf die Verursacher zurückfällt. Doch dann weitet sich sein Blick auf das „Ende der Tage“ und in aller Unmöglichkeit sieht er plötzlich eine mögliche neue Welt:

„Die Völker werden herzulaufen, und sagen: ‚Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des Herrn gehen und zum Haus des Gottes Jakobs, damit er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln!‘ Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Ländern. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“

Micha sieht vor seinem innerem Auge, wie sich Menschen in Bewegung setzen und wie sie sich Gott zuwenden. Ganze Völker erkennen, wie fehl sie bisher gegangen sind – es ist wie ein gemeinschaftliches Erwachen und Bereuen. Das führt zu dem schönsten Bild des Michabuches: Menschen schmieden ihre Schwerte um zu Pflugscharen. Aus der inneren Reue entspringt eine Dynamik, die dem Leben zugewandt ist. Aus Vernichtung wird Verheißung: „Sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“

Das ist möglich…

Über die Jahrhunderte hat sich die Vision weitergetragen und manifestiert in Verlautbarungen und Vereinbarungen. Ohne die Vision einer friedvollen Welt, ohne das, was wir heute Friedensethik nennen, wäre weder das Völkerrecht entstanden, noch die Strukturen der Vereinten Nationen. In der UN-Charta von 1945 ist der nachhaltige Völkerfriede festgeschrieben. Die meisten Staaten haben seither das Verbot jedes Angriffskrieges anerkannt. Auch die damalige Sowjetunion.

Als Zeichen ihres Friedenswillens ließ die Sowjetunion eine Skulptur anfertigen, die 1959 der UN übergeben wurde. Der Bildhauer Jewgeni Wutschetitsch gestaltete eine drei Meter hohe Bronzefigur im Stil des sozialistischen Realismus: da schmiedet ein muskulöser Mann mit einem Hammer ein Schwert um. Der Titel lautet: „Let us beat our swords into plowshares“. Tatsächlich hat Wutschetitsch das Zitat aus dem Michabuch genutzt, um der aufkeimenden Hoffnung Gestalt zu geben, dass es nie wieder Krieg geben darf: „Lasst uns unsere Schwerter zu Pflugscharen machen.“

Ungeachtet dessen begann die Sowjetunion, wie auch die NATO damit, stetig aufzurüsten. Das militärische Gleichgewicht schien die einzige Möglichkeit zu sein, einen Frieden zu wahren – der Mann vor dem UN-Gebäude konnte mit dem Umschmieden der immer neuen Waffen gar nicht fertig werden.

Aber das Wort des Propheten Micha und das Bild des schmiedenden Mannes begannen ein von den Machthabern nicht mehr zu steuerndes Eigenleben zu führen.

Es war der November 1980, als Christinnen und Christen in DDR und BRD gleichzeitig beschlossen, eine Friedensdekade auszurufen. Zehn Tage sollte es um die Fragen der Stationierung von Mittelstreckenraketen gehen und in der DDR konkret um die geplante Wehrerziehung in den Schulen. Während man sich hier im Westen ungestört treffen durfte, musste die Dekade in der DDR heimlich in privaten Wohnungen vorbereitet werden. Als Einladung für den Abschlussgottesdienst am 19.11.1980 lag ein Lesezeichen aus, das die Skulptur von Wutschetisch zeigte und dazu den Schriftzug: Schwerter zu Pflugscharen.

Gedruckt war es auf Fliesstoff, denn eine offizielle Druckgenehmigung hätte man in der DDR für diese Aktion niemals erhalten. Aber in Herrnhut gab es Christen, die den Druck auf Fliesstoff als Textiloberflächenveredlung argumentierten. Und so entstand aus der Not eine ziemlich kreative Idee: ein Aufnäher für Jacken mit einer Friedensbotschaft, die sich eines sowjetischen Künstlers bediente. Was sollte der DDR-Staat dagegen sagen können?

Nun, es brauchte nicht lange, bis man begriff, das dieses Zeichen die Rollenverhältnisse umdrehte: Die DDR und auch die Sowjetunion waren keine Friedensmächte. Vielmehrwaren die, die sich in den Kirchen trafen, diskutierten und Gottesdienst feierten, die eigentlich Friedensbewegten – frei im Geist und mit der Vision des Micha im Herzen.

Im November 1981 folgte das Verbot der Aufnäher und wer sie dann immer noch trug, musste damit rechnen, dass die Kleidung beschlagnahmt wurde, dass man von der Schule flog und keine Studien- oder Ausbildungsplatz mehr bekam. Mein älterer Bruder wurde unter anderem für das Tragen des Zeichens, für die Verweigerung des Wehrunterrichts in der Schule und für manch politischen Witz wegen sogenannter Staatsverleumdung zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Als kleine Schwester wuchs ich in die Überzeugung hinein, dass Frieden oftmals auf Fahnen geschrieben stand, aber das Gegenteil der Fall war. Und ich erlebte, wie mit Mut und Kreativität für echten Frieden gekämpft wurde. Viele Jugendlichen, denen der Aufnäher verboten worden war, nähten sich weiße Kreise auf den Ärmel und schrieben darauf: „Hier war ein Schmied.“

Wer diese Zeit auf der anderen Seite der Mauer so miterlebt hat, ist oft immer noch getragen von dem Vermächtnis, dass Frieden auch ohne Waffen möglich sein muss. Vielleicht macht es jene Friedensbewegte in den neuen Bundesländern verständlicher, die sich heute gegen Waffenlieferungen aussprechen.

Ist das Zeichen, das ihr in euren Händen haltet, eine Vision, die nur dann trägt, wenn der Krieg kalt und noch nicht heiß ist? Wie gehen wir als Christinnen und Christen mit dem Dilemma um, dass sich eine Autokrat entschließt, ein Nachbarvolk anzugreifen, um es in sein imperialistisches Weltbild hineinzuzwingen? Kurz: Darf man als Christ befürworten, dass Waffen in die Ukraine geliefert werden oder widerspricht das der Friedensethik der Bibel?

Mir hilft ein Blick zurück zum Propheten Micha. Der spricht nicht von einem billigen Frieden, nicht von Frieden, den man vor sich herträgt und der nur bedeutet, dass gerade mal die Waffen schweigen. Er spricht von einem Frieden, der in Reue gründet. Eigentlich spricht er von Gericht: Gott wird unter den Völkern Recht sprechen und so ihre Konflikte schlichten. Erst dann können sie freiwillig auf ihre Waffen verzichten.

Genau diese prophetische Vision brauchen wir, auch wenn sie bedeutet, dass allen ein langer Weg bevorsteht. Sie bedeutet, dass wir nicht aufhören dürfen, alles zu tun, um begangenes Unrecht zu benennen. Die russische Historikerin Irina Scherbakowa hat am 9. Oktober diesen Jahres in Leipzig die „Rede zur Demokratie“ gehalten. Zwei Tage vorher hat ihr Verein „Memorial“ den Friedensnobelpreis für die Aufarbeitung der Leidensgeschichte der russischen Bevölkerung unter Stalin bekommen. Irina Scherbakowa sagt: „Wir empfangen den Preis schweren Herzens, denn man muss zugeben, dass wir unser Ziel – die Aufarbeitung der Verbrechen des Sowjetischen Staats, damit diese nicht wieder passieren – nicht erreicht haben! Wir müssen nun darüber reflektieren, warum unsere Stimmen zu schwach waren, warum die russische Gesellschaft uns nicht zuhören wollte, als wir von Verbrechen und Gräueltaten – im sowjetischen GULAG, in Katyn, über den Holodomor in der Ukraine und dann im Tschetschenischen Krieg – gesprochen haben. Genau solche Gräueltaten, die wir jetzt in Butscha, Izyum und jeder ukrainischen Stadt und Dorf mit Entsetzen beobachten.“

Sie beginnt ihre Rede mit der Feststellung: „Der Krieg kann nur mit einem Sieg der Ukraine enden.“ Und sie schließt ihre Rede mit der Erkenntnis, dass dauerhafter Frieden und Versöhnung nur möglich ist nach Aufarbeitung, Sühne und Bestrafung aller Kriegsverbrecher.

Das Symbol der Friedensdekade zeigt einen schmiedenden Mann, für den möglicherweise ein Russe Modell stand. Es kann auch ein Ukrainer gewesen sein, denn Jewgeni Wutschetisch ist in der Ukraine geboren. Der russische oder ukrainische Mann, der heute mitten im Krieg steht, bildet die Vision ab, dass es keinen Krieg mehr gibt.

Er ist Teil einer großen Vision, in der sich Menschen wieder Gott zuwenden. Sie stellen sich in Gottes lebensfördernden Strom. In seinem Licht erkennen sie das Unrecht, das sie tun und haben keine Angst mehr, ihre Schuld einzugestehen. Und dann hören sie – wie Micha schon – dass Gott ihnen vergibt und dass er ihnen ein gutes Leben zutraut. Und dann – erst dann – richten sie sich auf und schmieden kraftvoll ihre Schwerter zu Pflugscharen.

Das ist möglich…

Amen


Esther Zeiher, Kind aus einer ostdeutschen christlichen Oppositionellenfamilie und über den Ökumenischer Pilgerweg e.V. in Mitteldeutschland immer noch mit den friedensbewegten Ostdeutschen in Verbindung, ist Pfarrerin in Kitzingen (Mainfranken)

 

 

APP zur FriedensDekade 2022

Auch in diesem Jahr gibt es wieder die App zur FriedensDekade. Sie macht das Engagement für den Frieden mobil: ein täglicher Impuls zum Nachdenken als Push-Nachricht, ein Aktionsvorschlag, eine Friedensandacht und ein Friedenslied, alles als Audio oder Text. Es wird zum Gebet für den Frieden aufgerufen und zum Friedenshandeln inspiriert. Friedensengagierten (und solche, die es werden wollen) bietet es die Möglichkeit, eine Andacht zur FriedensDekade zu feiern und sich mit anderen Unter dem Thema „ZUSAMMEN:HALT“ zu verbinden. So ist es leichter, im Gesprächskreis der Kirchengemeinde, mit Mitarbeiter*innen bei Diakonie, Kirchenverwaltung oder Schule, wie auch bei den verschiedenen Aktionen im Rahmen der FriedensDekade eine Friedensandacht zu feiern. Aber auch auf dem Weg zur Schule, zur Uni oder ins Büro sind der Impuls oder das Friedenslied eine Anregung für den Tag.

Zwei Neuerungen gibt es in der diesjährigen App: ein Friedenslied für jeden Tag und die Inhalte der App lassen sich nun teilen.

Die App steht kostenfrei zum Download zur Verfügung:

https://www.peaceandpray.de/

Die FriedensDekade auf dem Handy oder Tablet: zum Hören, Mitbeten, Teilen, Engagieren

……………………………………

Die App zur FriedensDekade ist eine Initiative der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens (EVLKS) und der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM). Ermöglicht wurde die Entwicklung und Bereitstellung dieser App durch eine finanzielle Förderung durch den Verein für Friedensarbeit im Raum der EKD.

Spaltung. Krieg. Gewaltfreiheit. (von Church and Peace)

„Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus dem Auge deiner Schwester oder deines Bruders ziehen.“ (Lk 6,42)

Pressemeldung zu einer Internationalen Tagung und Mitgliederversammlung von Church and Peace vom 20. – 23. Oktober 2022 in Crikvenica, Kroatien

Wethen, 26.10.2022 – Angesichts der verheerenden Auswirkungen des Ukraine-Kriegs fordert das europäische Netzwerk Church and Peace in seiner diesjährigen Konferenz dazu auf, alles zu unternehmen, damit schnell ein Waffenstillstand erreicht wird und diplomatische Verhandlungen beginnen können.

Die Konferenz war eine Chance, von den Friedensstifter*innen in der Region Westbalkan/Südosteuropa zu lernen. Sie alle, ob Christ*innen oder Muslim*innen, haben Erfahrungen mit gewaltfreiem Handeln im Krieg sowie in der Versöhnungsarbeit der Nachkriegszeit, die auch 25 Jahre danach noch immer notwendig ist, um einen nächsten Krieg zu verhindern.

Eindrücklich war ihre Feststellung: „Wenn man den Krieg vom Anfang her anschaut, scheint militärischer Widerstand plausibel, scheint er eine mögliche Lösung.
Wenn man ihn vom Ende her anschaut, ist die ‚militärische Lösung‘ eine Katastrophe. Wir haben wahrhaftig Erfahrungen damit, was Krieg bedeutet.“

Eindrücklich war ebenso die Erfahrung der Friedensstifter*innen, welch zentrale Bedeutung der Zugang zu Wissen hat, sowohl über alternative Informationsquellen als auch über gewaltfreie Widerstandsformen wie zivilen Ungehorsam.

Die mehr als 100 Teilnehmenden aus 13 europäischen und 4 außereuropäischen Ländern(
1) teilten die Erfahrungen von schärfer werdenden Auseinandersetzungen und Spaltungen in Bezug auf Klimakrise, Flüchtlingssituation, Pandemien, Auseinanderdriften von Armut und Reichtum sowie die Konsequenzen aus dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.

„Wir müssen den Balken im eigenen Auge sehen und damit unseren Anteil an und unsere Verantwortung für diese Krisen übernehmen, um glaubwürdig und klarsichtig zu sein und die richtigen Schritte zu tun.“ so Antje Heider-Rottwilm, Vorsitzende von Church and Peace.

Die Teilnehmenden stellten fest:
Wir sind unglaubwürdig, wenn wir uns immer noch drücken vor Selbstbegrenzung und dem Teilen von Ressourcen, und damit die globale Spaltung und die Klimakrise eskalieren. Und wir sind unglaubwürdig in Bezug auf die ‚westlichen‘ Werte wie Menschenrechte und Solidarität, wenn wir nicht Geflüchtete und Kriegsdienstverweigerer aufnehmen und ihnen sichere Räume bieten.
Wir sind unglaubwürdig, wenn wir – trotz allen Entsetzens angesichts der Brutalität im Ukraine-Krieg – nicht weiterhin für eine Grundvoraussetzung aller Konflikttransformation eintreten: die jeweils andere Seite mit ihrer Geschichte und ihren Interessen wahrnehmen sowie ihre Verstrickung mit globalen Machtinteressen.

Die Konferenz unterstrich, dass der Krieg in der Ukraine nicht als Beweis für die Unwirksamkeit von Gewaltfreiheit herhalten kann, denn eine konsequent gewaltfreie ‚westliche‘ Sicherheitspolitik wurde bisher nicht entwickelt.
Sie schloss sich dem Votum der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Karlsruhe an: „Als Antwort auf wachsende Militarisierung, Konfrontation und Proliferation von Waffen rufen wir die Regierungen Europas und der gesamten internationalen Gemeinschaft zu viel größeren Investitionen in die Suche nach und Förderung von Frieden sowie zur Stärkung von Maßnahmen zur friedlichen Konfliktbewältigung, zivilen Konflikttransformation und Versöhnungsprozessen, anstatt in die Ausweitung von Konfrontation und Teilung auf…(²)
Wir erkennen an, dass es im Krieg keine ‚Gewinner‘ gibt und dass niemand jemals auf Krieg zurückgreifen sollte.“(³)

Church and Peace insistiert darauf, das Vertrauen in zivile Konflikttransformation und politische Lösungen nicht zu diskreditieren und hält stattdessen an der gewaltfreien Vision des Evangeliums fest – auch und gerade in Zeiten des Krieges. Zugleich geht es aber auch darum, die Entscheidungen der Menschen in der Ukraine und anderen Konfliktgebieten zu respektieren und dennoch diese Vision einer gewaltfreien Alternative offenzuhalten.

Die Bibel berichtet, dass Noah die Taube ausschickte und sie erst beim zweiten Mal zurückkam mit einem Olivenzweig, dem Hoffnungszeichen für einen Neubeginn. Noch bringt die Taube keinen Olivenzweig! Wir hoffen, beten und lassen uns nicht entmutigen im Vertrauen auf den Gott des Friedens.

(1) Aus Ägypten, Belgien, Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada, Kroatien, Litauen, Niederlande, Nord-Mazedonien, Schweden, Schweiz, Serbien, Togo, USA
(
2) https://www.oikoumene.org/de/resources/documents/war-in-ukraine-peace-and-justice-in-the-european-region
(3) s.o.

___________________
Pressekontakt:
OKRin i.R. Antje Heider-Rottwilm, Vorsitzende von Church and Peace, +49 172 5162 799

Church and Peace e.V. ist der ökumenische Zusammenschluss von Friedenskirchen und friedenskirchlich orientierten Gemeinden, Kommunitäten und Friedensorganisationen in Europa

 

 

0
    0
    Einkaufswagen
    Der Einkaufswagen ist leerZurück zum Shop