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Autor: Thomas Oelerich

Ökumene, „die bewohnte Erde“ (von Frieda Wünsch, Friedensbotin der Ökumenischen FriedensDekade)

(aus der FRIEDENS-ZEITUNG)

Ich bin Frieda Wünsch, Gesundheits- und Krankenpflegende und Absolventin eines Bachelorstudiums für Pflege. Neben meiner Tätigkeit in einem Akutkrankenhaus habe ich mich entschieden, aktiv im Verein Medinetz Dresden mitzuwirken. Ich bin ungeplant zu Personen des Vereins gestoßen und habe schnell die Relevanz ihrer Arbeit für die Stadt Dresden erkannt. Medinetz hat einen konfessionslosen Hintergrund. Im Vordergrund steht als Verein zu bestehen, damit Lücken im medizinischen Versorgungssystem für jeden Menschen überbrückt und bestenfalls geschlossen werden. So ist das Ziel, perspektivisch als Verein nicht mehr bestehen zu müssen. „Sich selbst abschaffen“ ist das Motto – für die Gerechtigkeit im Gesundheitssystem.

Dies klingt groß. Während der Vereinsarbeit merkt man schnell, dass jede Person, die an uns herantritt, ihre/seine individuelle Geschichte hat. So wird aus einer grundlegenden Problematik des Gesundheitssystems ein persönlicher Kontakt mit Menschen in ihrer eigenen Lebenswelt.

Ökumene, also wörtlich übersetzt „die bewohnte Erde“, kommt dabei für mich sehr zu tragen: Egal mit welchem ethnischen, religiösen, sozialen Hintergrund, jede Person hat ein Recht auf Gesundheit und Unterstützung auf dem Weg, um diese wiederher- bzw. sicherzustellen. So arbeite ich sehr gerne mit meinen Kolleg:innen, auch aus anderen ­Vereinen, zusammen, um dies für jede Person, die sich an uns wendet, zu verwirklichen. Auch innerhalb unseres/unserer Teams mit Mitgliedern unterschiedlicher ethnischer und beruflicher Hintergründe wird Vielseitigkeit gelebt.

In beiderlei Hinsicht kann ich Teil sein, konfessionslos Ökumene und Zusammenhalt zu erfahren. Auch als Christin sehe ich diese Ökumene und diesen Zusammenhalt als Lösung für Frieden in unserem Kiez, unserer Stadt, unserem Land und weltweit.

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Medinetz Dresden e. V. vermittelt anonym und kostenlos medizinische Hilfe für Geflüchtete und Menschen ohne Aufenthaltsstatus sowie mittellose und wohnungslose Menschen. Die unabhängige Initiative wird von vielen Dresdener Ärzt:innen, Pflegenden, Psychotherapeut:innen, Hebammen und Dolmetscher:innen unterstützt.

 

Über die Rolle privater Stiftungen im weltweiten Gesundheitsgeschehen (ein Kommentar)

Die Bill-und-Melinda-Gates Stiftung ist die zweitgrößte Geberin von Geldern für Programme der globalen Gesundheit. Gates Äußerung, dass seine Stiftung alle Aktivitäten zurückstellen und nur noch in die Bekämpfung der Corona-Pandemie investieren werde, kann somit weitreichende Folgen für die Gesundheitssituation in ärmeren Ländern haben. Denn die globale Aufmerksamkeit für Corona lässt vergessen, dass sich viele ärmere Länder in einer dauerhaften Gesundheitskrise befinden. Gesundheitssysteme vielerorts sind zu schwach, um alltägliche Erkrankungen zu behandeln: Es fehlt an Personal, an Medikamenten, an Laborkapazitäten. Gesundheit ist nicht nur von medizinischen Faktoren beeinflusst – von Armut geprägte Lebensbedingungen machen Menschen anfälliger für Gesundheitsgefahren aller Art.

Derzeit zielen Ansätze hin zu einer globalen Gesundheit jedoch vorrangig auf rein medizinisch-technische Lösungen ab. Die dominierenden Ansätze werden durch die großen Geldgeber propagiert, insbesondere durch private Stiftungen, die seit den frühen 2000er Jahren eine bedeutende Rolle einnehmen und den Entwicklungsdiskurs prägen. Allen voran die Gates Stiftung, deren Fördervolumen das aller anderen Stiftungen um ein Vielfaches übertrifft. Dabei bringt die Gates Stiftung Wirtschaftslogik in die Gesundheitsarbeit ein, unter dem selbst erklärten Credo: Tue Gutes und das möglichst effizient. Um diese Kosten-Nutzen-Analyse zu erfüllen, sind Maßnahmen zentral, die kurzfristig umsetzbar und gut messbar sind. Programme zu nachhaltiger Armutsbekämpfung oder dem Aufbau von Gesundheitssystemen sind dabei wenig attraktiv.

Die Einbindung von Unternehmen wird zur Vorbedingung für Kooperationen gemacht und stets auf marktbasierte Lösungen gepocht. Die „Hilfe“ wird zu einer „Ware“ und damit interessant für Unternehmen und Kapitalanleger. Der Nachteil dieser Situation wird deutlich an der weltweiten Medikamentenentwicklung, die fast ausschließlich durch Angebot und Nachfrage gesteuert ist. In ärmeren Ländern sind somit lebenswichtige Therapien häufig nicht verfügbar, weil der dortige Markt für Pharmaunternehmen kaum Kaufkraft bietet. Regierungen haben bisher zu wenig eingegriffen und eine vom Markt losgelöste Medikamentenentwicklung vorangebracht.

Das Handeln der Gates Stiftung wäre weniger problematisch, wenn es umfassendere Ansätze nur ergänzen würde. Tatsächlich wurden aber Entwicklungsprogramme entsprechend der von ihr favorisierten Ansätze verändert. Es wäre zu einfach, die Superreichen dieser Welt dafür verantwortlich zu machen, dass die Gesundheitsagenda bisher so stark durch Privatakteure bestimmt wird. Erst recht gilt es, abstrusen Verschwörungstheorien, die Bill Gates gar als Erfinder der Corona-Pandemie verunglimpfen, entschieden entgegenzutreten.

Jedoch herrscht im politischen Raum ein unerschütterlicher Glaube an die Bedeutung und Leistungsfähigkeit privater Stiftungen. Eine öffentliche Debatte, besonders hinsichtlich ihrer Legitimation und Rechenschaftspflicht, ist überfällig. So sind Stiftungen üblicherweise den eigenen Gremien gegenüber verpflichtet, nicht jedoch gegenüber ihren Mittelempfängern oder gar internationalen Vereinbarungen zur Abstimmung in der Entwicklungszusammenarbeit.

Schließlich ist der Aufschwung privater Stiftungen die Folge einer Wirtschafts- und Fiskalpolitik, die die Anhäufung von Vermögen in diesem Maße erst ermöglicht. Auch dadurch wächst die Kluft zwischen Arm und Reich und Ungleichheit mit all ihren Symptomen verschärft sich. Dies sind die gleichen Symptome, die philanthropische Stiftungen bekämpfen möchten.

MAREIKE HAASE
Referentin Internationale Gesundheitspolitik, Brot für die Welt

 

 

AUFRUF an die Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen 2022 in Karlsruhe

Die Welt brennt an vielen Orten: Der Klimawandel lässt überall Wälder brennen, Getreide wird verbrannt, das unzählige Menschen vor Hunger bewahren könnte. Die Corona-Pandemie verändert alle Agenden. Im Krieg um die Ukraine wird der Konflikt um eine neue Weltordnung ausgetragen. Die Reichen werden immer unverschämter und die Armen immer mehr beschämt. Den vielen Krisen liegt eine einzige Frage zugrunde: Wo ist dein Bruder? Wo deine Schwester?

Deshalb richten wir den unten stehenden Appell an die Delegierten und an die Gäste der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) aus allen Teilen der Welt. Er ist zustande gekommen nach Konsultationen mit Ökumeniker*innen aus Afrika, Asien, Europa und Nord- wie Lateinamerika. Wir haben gelernt, dass es notwendig ist, auf die Mutter Erde und die Armen zu hören, denn sie sie leiden am meisten unter dem globalisierten Kapitalismus.

Unser Aufruf steht in der Tradition der ökumenischen Bewegung: So verurteilte der Lutherische Weltbund auf seiner Vollversammlung in Winnipeg 2003 den neoliberalen Kapitalismus als Götzendienst. Nicht anders der Reformierte Weltbund im Jahr 2004 auf seiner Generalversammlung in Accra. Die Vollversammlung des ÖRK 2013 in Busan stellte fest: „Die wirtschaftliche Globalisierung hat den Gott des Lebens durch Mammon ersetzt, den
Gott des freien Marktkapitalismus, der die Macht für sich beansprucht, die Welt durch die Anhäufung unmäßigen Reichtums und Wohlstands zu retten“. Papst Franziskus verurteilt den Kapitalismus als eine „Wirtschaft, die tötet“. Die Kirchen haben in ihren offiziellen Dokumenten zu einer für die Geschichte der Kirchen wichtigen Einmütigkeit gefunden: Der herrschende Kapitalismus ist eine destruktive Religion; er ist als Götzendienst abzulehnen. Indes verschärft sich die Weltlage immer weiter, die angekündigten Katastrophen sind längst da. Die Frage ist nicht nur: Wo ist dein Bruder, wo deine Schwester? Wir müssen fragen: Wer ist Dein Bruder, wer deine Schwester?

Unser Aufruf ist ein Appell für eine universale Geschwisterlichkeit als Kern einer gemeinsamen Utopie von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. (zum Appell, dt. und engl. Version)

Martin Gück & Franz Segbers
(Kairos Europa)

 

 

Alleine schaffen wir das nicht (von Dr. Pascale Jung)

Was in den letzten Jahren passiert ist, das haben wir bis vor kurzem nicht für möglich gehalten.

Die Pandemie, der extreme Klimawandel und der Krieg haben uns gezeigt, wie verletzlich diese Welt ist und dass wir uns nicht wie schnell sich Dinge verändern.

Was ist das für eine Zeit in der wir leben? Und was ist jetzt besonders wichtig?

Das Thema der diesjährigen Friedensdekade heißt ZUSAMMEN:HALT. Und genau das ist es, was wir jetzt brauchen. Wie sollen wir sonst die gegenwärtigen Krisen und die, die noch auf uns zukommen bestehen? Alleine schaffen wir das nicht.

Ich finde, dass die Kirchen dazu einen wichtigen Beitrag leisten können. Vom 31. August bis zum 8. September trifft sich die Weltkirche in Karlsruhe. Zur 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen kommen bis zu 4.000 internationale Gäste aus 350 Mitgliedskirchen. Der ÖRK wurde 1948 gegründet. Ziel war ist es, ein sichtbares Zeichen der Einheit der Christinnen und Christen „in einem Glauben“ anstreben. Das ist das Ziel. Der Weg dahin ist manchmal nicht ganz einfach. Aber die Vollversammlung ist das höchste Entscheidungsgremium des ÖRK und ihre Themen sind Wegmarken der ökumenischen Bewegung.

Eines ist klar: Menschen aller Konfessionen müssen zusammenhalten. Uns eint doch viel mehr, als uns trennt und es gibt so unendlich wichtige Dinge für die sich die Kirchen gemeinsam einsetzten können.

„Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt“, lautet das Motto der 11. Vollversammlung des ÖRK. In diesem Sinne müssen die Kirchen gemeinsam zum Wohle der Welt eine öffentliche Stimme finden, denn es geht nicht um den Selbstzweck, sondern um die Aufgabe, diese Liebe Gottes der Welt sichtbar zu machen.

Dr. Pascale Jung ist Pastoralreferentin und Vorsitzende der ACK Saarbrücken. Sie ist Mitglied im Gesprächsforum der Ökumenischen FriedensDekade

 

Gedanken zu einem Bild von W. Kandinsky (von Florian Geith)

(Aus der diesjährigen FriedensZeitung Gedanken zum Bild „Kreise in einem Kreis“ (1923) von Wassily Kandinsky (1866–1944)

Konzentrisch bedeutet, dass sich mehrere Kreise einen Mittelpunkt teilen. Jeder Kreis hat aber einen anderen Radius. Die konzentrischen Kreise von Kandinsky zeichnen sich durch leuchtende Farben aus. Die unterschiedlichen Formen und Farben spiegeln die Vielfalt an Kulturen, Nationen, Religionen und Individuen in einer modernen, pluralistischen Welt wider. Die Schnittmengen sind – wenn vorhanden – mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Dort, wo sie vorhanden sind, geschieht etwas Neues, symbolisiert in den Farbnuancen der Überschneidungen.

Kandinsky vermeidet rechteckige Formen, weil der Kreis die Unterschiede nivelliert und Bewegung in das Spiel der Kräfte bringt. Der schwarze Rahmen hält die Bewegung zusammen und verhindert Ausbrüche oder Isolation. Der äußere Kreis zentriert die Komposition nochmals, er verleiht ihr ­Festigkeit und Geschlossenheit. Er hält sie zusammen!

Unterlegt werden die Kreiselemente von zwei sich kreuzenden diagonal die Bildfläche durchwandernde Farbbalken in Gelb- und Blautönen. Diese beiden Diagonalen kreuzen sich im Bildzentrum und verdichten durch Farbüberlagerungen das Zentrum der Komposition. Es ist Zufall, dass die Farben der Diagonalen die Farben der Ukraine-Flagge sind. Im Jahr 2022 stellt sich aber gerade anhand des Krieges in der Ukraine die Frage nach dem ZUSAMMEN:HALT. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Versöhnung zwischen den kriegführenden Ländern und der Zusammenhalt in einer Welt zunehmender Gegensätze gelingen kann. Was ist es, das die Welt in ihrem Innersten noch „zusammenhält“?

FLORIAN GEITH ist Landesjugendpfarrer der Evangelischen Jugend der Pfalz und Mitglied im Gesprächsforum der Ökumenischen FriedensDekade

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